Dienstag, 24. Oktober 2017

Von Arschloch-Pferden und ihren Menschen

Für Amina, die manchmal leise „Arschloch“ flüstert. 

Achtung - FSK 18: Hier werden gleich wiederholt böse Pfui-Worte verwendet werden. Folgender Artikel ist somit nicht jugendtauglich. Die verwendeten Kraftausdrücke sind weder auf englisch noch krass genug um damit im Ghetto anzugeben.

Ich habe in letzter Zeit in anderen Gruppen und auch im echten Leben die Ohren etwas gespitzt, wenn Menschen über ihre Pferde sprachen - besonders bei dominanten, zickigen und arschigen Pferden. Es dauerte nicht lange und ich wurde fündig: ein Arschlochpferd!

Dabei gibt es zwei Kategorien von „Arschlochpferden“.

Die liebevollen „Arschis“. Arschis sind in der Regel kleine süsse, Ponys, die normalerweise von ihrem Besitzer mit Wattebäuschen beworfen werden. Wenn das Pö auf der Flucht vor einem Wuschelklopps der Besitzerin auf ihre pinken Fluffe-Latschen steht, dann wird es meist als „Arsch“ bezeichnet. Sie sind das Pendant zum Arsch-Ehemann, der einem Pralinen mitbringt, obwohl man auf Diät ist und in der Regel absolut harmlos.

Und dann gibt es die richtigen „Arschlochpferde“.

Das sind besonders fiese, hinterlistige, böse, Pferde, die ihrem Besitzer das Leben zur Hölle machen und auch noch Spass daran haben.
Sie sind komischerweise meist Stuten, immer dominant, finden den Menschen total scheisse und erdreisten sich, das mehr als deutlich zur Schau zu stellen.
Die beissen, treten, zicken und bocken und das alles mit dem einzigen Ziel, dem Menschen das Leben schwer zu machen. 
Das sind richtig miese Charaktere.
Die einzige Chance mit so einem Arschlochpferd zu überleben, ist, ihm immer wieder zu zeigen, wo es langgeht. So einem Arsch muss man von Anfang an deutlich gegenübertreten, damit er gleich weiss „hier gibt es nix zu lachen“.

Wenn man die Schilderungen mancher Arschlochpferd-Besitzer liest, kann man sich sehr gut vorstellen, dass das Ponyhofleben so absolut keinen Spass macht. Und ich kann auch die Entscheidungen einiger Ex-Arschlochpferd-Besitzer verstehen, sich von dem Tier zu trennen. Das wird wahrscheinlich besser für das Pferd sein.
Lese oder höre ich, wie manche Menschen über ihr dummes Vieh berichten, dass alles tut um sich vor der Arbeit zu drücken, nur zum Spass bockt, einen verarscht und sogar schnappt, wenn man es mit der Peitsche klopft, dann habe ich ein ungefähres Bild davon, wie die gemeinsame Zeit abläuft und wie sich beide Parteien fühlen. Allein die Art, wie über das "Seelenpferd" gesprochen wird, würde mich als Pferd dazu veranlassen, mich auf meinen Besitzer zu setzen. Die ganze Attitude des Zweibeiners brüllt dem Pferd „Arsch“ entgegen und das Pferd brüllt zurück.

All diese "Gemeinheiten" des bösen Endgegners Pony werden einen Auslöser haben und der hat für gewöhnlich zwei Beine. 
Wenn jemand schon mit einer "Arsch"- Haltung auf der Matte steht, wie könnte man ihm etwas anderes als genau die entgegenbringen.

Tja, aber was soll man denn tun, wenn der scheiss Gaul keinen Bock hat?
Ja, was oder wer ist wohl der Grund für diese Haltung? ;)
Wie wollen Mensch und Tier denn Spass am Zusammensein entwickeln, wenn das so negativ stattfindet? Bekomme ich mein Arschlochpferd motiviert, wenn ich im beim kleinsten Anzeichen die Gerte um die Ohren sausen lasse?
Mache ich vielleicht doch etwas falsch, wenn der Gaul zum 100x „testet“ ob er sich vorbei drängeln kann, obwohl das niemals zugelassen wurde? Da gibt es nämlich nur zwei Möglichkeiten: es wurde zugelassen, sonst würde das Pferd recht bald verstehen, dass es nicht geht oder es wird bewusst oder unbewusst provoziert. Wenn ich eine Türe konsequent nicht aufmache, wird das Pferd sehr schnell nicht mehr danach fragen.

Wie wurde das Pferd denn zum Arschloch? 
Nun gibt es zwei Unterkategorien von Arschlochpferden. Die Jungpferde und die Vorbelasteten.
Jungpferde formen und erziehen wir selbst. Wir geben den Rahmen vor. Je nach Charakter des Pferdes und des Besitzers ist dies mehr oder weniger einfach. Aber auch hier ist kein Pferd zum Arschloch geboren. Auch ein selbstbewusster Charakter wird eine harmonische, klare Beziehung einem ständigen Machtkampf vorziehen, das liegt zu unserem Glück in der Natur der Pferde. 
Bevorzugt es ein Pferd, die Arbeit mit dem Menschen auf alle Arten zu verweigern und sich zu entziehen, wo nur ein Schlupfloch bleibt, wurde ihm wahrscheinlich die Arbeit mit dem Menschen nie schmackhaft gemacht.
Entwickelt sich ein Jungpferd zum Arschlochpferd, liegt das zu 99% an Unsicherheit oder Inkonsequenz des Besitzers und ist kein Kompliment an die Qualitäten als Ausbilder. 

Und dann gibt es die Vorbelasteten. Die schon Arschlochpferde waren bzw. die durch einen anderen Zweibeiner dazu gemacht wurden.
Diese Pferde landen nicht ungern bei Menschen, die ihren schlechten Eindruck von den Menschen nochmal untermauern. Die zeigen denen dann, wer der Boss ist und wen es besser zu meiden gilt. Damit das Pferd auch ganz sicher weiss, mit dem Menschen hast du keinen Spass. Und das „Schöne“ daran ist, dass der Mensch seine Vorurteile genau so bestätigt sieht wie das Pferd. Ist eben doch alles scheisse.
Manche dieser Pferde landen aber auch bei Menschen, die alles daran setzen, dem Pferd zu zeigen, dass es anders gehen kann. Dass beide Seiten es friedlich und schön haben können und das auch noch viel stressfreier ist. Diese Menschen reden nicht von „Arschlochpferden“, von miesen Charakterschweinen und dominanten „die wollen wissen wer der Chef ist“ Monstern und komischerweise verschwindet die Arschloch-Haltung der Arschlochpferde bei solchen Menschen sehr schnell. Wie kommt´s?

Pennys Blick, wenn sie "Arschloch" denkt.
Ich will an dieser Stelle nicht abstreiten, Penny auch schon kreativ tituliert zu haben. Sie mich auch, ich sehe das an ihren Blicken. Aber auf jede Verwünschung kommen 5x „bestes Pony der Welt“. Es gab auch schon Momente, an denen ich Penny gerne an die Laterne gebunden hätte um mich dabei zu amüsieren, wie ein armer Kerl versucht, den Fruchtzwerg von dort wegzubekommen. Ich habe mich schon wie Rumpelstilzchen über mein Pony geärgert aber noch viel mehr über mich selbst. Weil ich zu blöd war, dem Pö zu erklären, was ich von ihr will. Weil ich zu langsam reagiert, zu wenig gesehen habe. Weil ich inkonsequent war…

Ich hatte in meinem Leben auch schon mit vorbelasteten „Arschlochpferden“ zu tun. An ein ausgefuchstes Pony kann ich mich ganz besonders erinnern. 
Ich durfte mich um das „liebe, gut rittige, anständig erzogene“ Pony kümmern und habe mich gefreut wie Bolle. Gleich am Anfang sprang das freche, schnappende, sture Ding über die Boxentür. Bei unserem ersten Ausritt blickte ich plötzlich in die andere Richtung. Weder ich, noch meine Begleiter haben bis heute herausgefunden, wie ich der Schwerkraft getrotzt habe und spätestens als ich die Liste an Krankenhausaufenthalten ausfindig gemacht hatte, die auf das Konto dieses „Arschs“ ging, war mir klar, dass ich niemals mehr der Beschreibung eines „lieben, braven, gut erzogenen“ Ponys glauben werde. 
Ich habe von diesem Pony unglaublich viel gelernt. Vor allem was Konsequenz ist und wie viel es wert ist, ein Pferd an meiner Seite zu haben, das gerne an meiner Seite ist.
Dieses Pferd war kein Arschlochpferd, aber es hielt Menschen per se für Arschlöcher. Wahrscheinlich, weil sie ihm einen Grund für diese Haltung gegeben hatten.

Mich stört an manchen Beschreibungen dieser echten, dominanten, bösen Arschlochpferden die fehlende Reflexion, das fehlende Verständnis für das Tier. Wenn man schon als Zuhörer nichts Gutes ahnt, wie soll man dann als Beteiligter, egal ob Mensch oder Pferd, positiv miteinander umgehen.

Anstatt den doofen Gaul zu verfluchen sollten wir uns fragen, was wir für ein besseres Klima tun können. Das fällt nämlich in unseren Aufgabenbereich und nicht in den des Pferdes. 
Wir schaffen uns die "Arschlochpferde" und hinter jedem dieser Pferde steht ein "Arschlochmensch".

Was allein unsere Einstellung bewirken kann, berichtet Linina01.

Sonntag, 16. Juli 2017

Perfektionierst du noch oder lebst du schon?

Vor einiger Zeit bekam ich ein ganz tolles Leser-Feedback dazu, dass Penny und ich sehr offen damit umgehen, nicht perfekt zu sein (und es auch nicht sein wollen) und uns gerade das authentisch und greifbar macht. Ich freue mich darüber heute noch wie ein Kleinkind vor Weihnachten, denn genau darum geht es mir: man muss keinem Ideal entsprechen, um genau richtig zu sein.
Fast zeitgleich wurde ich gefragt, ob ich nicht genau zu diesem Perfektionsdrang mal etwas schreiben möchte. 
Ich wollte. Und ich schrieb. Und ich löschte die Hälfte wieder. Und ich schrieb sie neu. Und ich las sie. Und es war nicht gut. Und ich schrieb neu. Und es war wieder nicht 100%. Und dann löschte ich alles, setzte mich an einem sonnigen Sonntag auf meinen kleinen Balkon, bloggerlike mit Mac Book und Einhorntasse und wollte in perfekter Umgebung den perfekten Beitrag schreiben. Darüber, dass nicht alles perfekt sein muss. Das nennt sich dann wohl Ironie des Lebens. 
Zum Glück weiss das Leben einen ganz gut auf den Boden der Tatsachen zurückzuholen. in meinem Fall mit nervtötendem Fluglärm, streitenden Nachbarn und blöden, Kuchenliebenden Wespen. Und plötzlich war alles genau so, wie es sein musste und ich schrieb endlich meinen perfekten-nicht-perfekten Beitrag über Perfektionismus, der uns am Ende nur im Weg steht.

Alle sagen dir, wie es sein sollte. Kaum einer sagt dir, wie du dahin kommst.

Ich beginne dort, wo die Idee zu diesem Beitrag liegt: in der Diskussion um (Jung-)Pferdeausbildung. 
Wer die Arbeit mit seinem Jungpferd beginnt, steht noch ganz unten auf der Leiter und macht sich gerade erst auf den Weg. Perfektion kann man hier nun wirklich nicht erwarten - oder?
Nun ja, hin und wieder finden sich Mutige, die ihre Arbeit auf Video gebannt der Gruppen-Öffentlichkeit anvertrauen und gegebenenfalls auf ein konstruktives Feedback hoffen, wie sie die nächste Leiterstufe erreichen können. Und schon lauert sie: die Perfektion. Kritische Beobachter sehen sofort, dass hier noch vieles nicht perfekt ist und schon beginnen sie, aufzuzählen, was zum Idealfall noch fehlt und wie das eigentlich richtig gehen würde. 
Am Ende weiss der mutige Protagonist, wie viele Vorstellungen von „perfekt“ es gibt und dass er von allen noch meilenweit entfernt ist. Was er aber im Rahmen seiner Möglichkeiten verbessern kann, das hat ihm keiner gesagt. Er wird demotiviert sein und das Feld räumen.

Darüber, dass wir alles in dieselben Ideale quetschen wollen, verliert gerade die Ausbildung an individuellem Potential. Denn nicht jedes Tier und auch nicht jeder Mensch sind für die gleichen Ideale gemacht. Auch hier zeigt es sich immer wieder gerne, dass viele Leute gelernt haben, Idealbilder auswendig runterzubeten, aber nur wenige ein Auge dafür haben, welches Potential wie weit ausgeschöpft werden kann. Allein die physischen Gegebenheiten setzten jedem Individuum andere Grenzen, kreieren für jedes Individuum ein anderes „Perfekt“. Wir kennen das alle selbst noch aus unserer Schulzeit: nicht jeder kann alles gleich gut.

Massenperfektionismus statt individuelles Potential

Genau hier liegt für mich schon die erste grosse Gefahr. Wir alle kennen das typische Ideal. Nicht alle wissen aber, in welchen Schritten dieses Ideal zu erreichen ist und welche Schritte für ein Pferde-Mensch-Paar im Rahmen ihrer Möglichkeiten liegen. Und weil wir nach etwas streben, von dem wir zwar wissen, wie das Ziel aussieht, aber nicht wie sich der Weg gestaltet, passiert es ganz schnell, dass man auf Abwege gerät.
In besagten Diskussionen halte ich die Anforderungen, die Mensch und Pferd gestellt werden, häufig für total weltfremd. Es wird auf Ideal rumgehackt, die weder Pferd noch Mensch in diesem Stadium erreichen können - zumindest nicht mit probaten Mitteln. 
Und schon läuft der Mensch in seinem Streben nach einem unrealistischen Ideal Gefahr, Wege zu gehen und Mittel zu verwenden, die eine schnelle,aber unsaubere Kopie dessen herzaubern, was eigentlich das Ergebnis langer Arbeit wäre. Diese Kopie mag auf den ersten Blick „perfekt“ aussehen, auf den Zweiten und für geübte Augen sind die Unterschiede aber deutlich (das ist nicht nur bei (Fake-)Markenklamotten so ;) ).

So viel dazu, dass unser Verlangen nach Perfektion bei der Arbeit mit unseren (jungen) Pferden ein gefährlicher Berater sein kann. Unsere Vorstellung von Perfektion ist das Ziel. Der Weg dorthin erfordert viel Geduld, manchen steinigen Umweg und manchmal die Erkenntnis, dass man sich ein falsches Ziel gesteckt hat. 

Perfektionierst du noch, oder lebst du schon? 

Davon abgesehen, dass unser Perfektionsdrang dazu verleiten kann, schmutzige Wege zu beschreiten (ich nenne diese vermeintlichen Abkürzungen gerne „quick´n´dirty“) setzen wir uns damit völlig unnötig selbst unter Druck.
Ich nehme mich gleich selbst als Beispiel. Ich wollte einen wunderbar perfekten Artikel schreiben, habe mir dafür ein vorbildlich inszeniertes Umfeld geschaffen, alles wie aus dem Bilderbuch und fühlte mich am Ende auf dem Sofa mit der alten hässlichen Kuscheldecke doch viel wohler. 
Dieses Idealbild, das ich erreichen wollte, war nicht ich. Es war gekünstelt und anstrengend, mich in ein Schema zu quetschen, das Klischees für mich zurechtgemacht hatten. Wenn ich so leben muss, um für andere perfekt zu wirken, dann möchte ich jetzt bitte aussteigen. 
Genau aus diesem Grund gibt es von Penny und mir keine Wallekleidbilder mit Halsring im Rapsfeld. Ich
kann Kleider nicht ausstehen, habe Heuschnupfen und ein Pony, dass den Raps umpflügen würde. Diese Vorstellung zu bedienen würde mich unglaublich viele Nerven und Zeit kosten. Würde mich und Penny mindestens drei Mal rasend aufeinander machen, mit wüsten Flüchen über Pferdehaaren an persönlichen Stellen und höchstens zwei vorzeigbaren Bildern enden. Diese Bilder würden nach vier Stunden Photoshop sicher für einen „Woooow“-Effekt sorgen. Vielleicht wäre sogar jemand geneigt, daraus eine perfekte Pferedmensch-Beziehung zu interpretieren, es wäre aber die reinste Inszenierung und würde nur ein Klischee bedienen, statt Penny und mich auf authentische Weise zu transportieren. 

Ich merke selbst immer wieder, wie sehr die eigenen Erwartungen einen von sich selbst entfernen. Immer, wenn ich Bilder von Penny und mir machen möchte, habe ich schon einen Grobentwurf im Kopf. Penny hat für all meine Pläne einen Gegenentwurf. Die Stimmung ist angespannt, wir bleiben weit hinter dem zurück, das wir eigentlich können und das ich zeigen wollte und am Ende sind von 100 Bildern drei halbwegs ok, aber noch lange nicht so gut, wie wenn wir alleine sind. Ohne meine Erwartungen. Ohne meinen Plänen von dem perfekten Foto. 

Und dann gibt es da diese Schnappschüsse, bei denen man sofort ruft „genau das sind wir!“. Die von der perfekten Szene meilenweit entfernt sind, aber vor Authentizität strahlen, die einfach echt sind und auf ihre eigene, individuelle Weise zeigen, was eben doch perfekt ist. Ganz ohne Klischee und Fremdbild.
Genau diese Bilder und die Momente dahinter zeigen mir, wer ich gerne bin und wer ich sein muss, um glücklich zu sein. Und das ist etwas völlig anderes, als man weitläufig unter perfekt versteht. Und nur, wenn ich mich bei dem, was ich tue, wohl und „echt“ fühle, kann ich es gut tun.

Das ist die alte, aus der Mode gekommene Schlabberhose, in der man sich sofort zuhause fühlt. Das ist, wenn man von Dreck besudelt übers Stoppelfeld fegt, statt im Blütenduft des Rappsfeldes zu baden. Das ist, wenn mein Pony voller Freude den Besensprung auseinander reisst und mit Besen im Maul „fang mich doch“ spielt.
Perfekt ist der erste Galopp mit seinem Jungpferd durch den Wald. Egal ob er versammelt, in schöner Beizämung und mit fliegenden Wechseln ist. 
Perfekt ist, wenn mein Bewegungskasper endlich ohne Abrisskommando über die Cavaletti kommt, während andere schon S** starten. 
Perfekt ist, was wir aus uns und unserem Potential machen. Perfekt ist für jeden individuell. Das erreichen wir dann, wenn wir aufhören uns von Fremdvorstellungen leiten zu lassen und endlich anfangen, uns so wohlzufühlen, wie wir sind. Wenn wir uns an unseren Möglichkeiten messen und gegeben unserem Potential das Beste aus uns machen und uns nicht an Idealen messen, die uns gar nicht gerecht werden.

Viel wichtiger, als perfekt zu sein ist es, authentisch zu sein.


Am einfachsten erkennt man das übrigens daran, dass es Spass macht ;) 

Mittwoch, 31. Mai 2017

3 Jahre Ponyhof – 1096 Tage mit Penny

Die Erinnerung, wie ich vor drei Jahren das erste Mal neben meinem Pferd auf der Koppel stand, lässt mich unweigerlich schmunzeln. Ich höre mein 2014-Ich von seinen Plänen reden und mein 2017-Ich verspürt den unweigerlichen Drang, dem naiven 2014-Ich weise, beinahe mütterlich über den Kopf zu streicheln und angesichts dessen, was uns noch bevor stehen würde, sagen „jaja, plan du nur. Das Leben hält sich sicher an deine Pläne…“. 

Dabei hatte mein 2014-Ich eigentlich ganz solide Vorstellungen vom Leben. Schliesslich hatte es ja schon einige Jahre auf dem Buckel.
Bevor es zum ersten eigenen Pferd kam, durfte ich mir die Hörner an vielen verschiedenen Pferden abstossen. Manche Pferde waren grössere Herausforderungen als andere. Doch die Besitzer schienen das, was ich da veranstaltete nicht ganz so schlecht zu finden und hier und da stellte sich beim lieben Vierbeiner tatsächlich Besserung ein. Und so lernte ich mehr und mehr, mein Ego wuchs mehr und mehr aber auch meine Vorstellungen darüber, was ich für mein Pferd niemals möchte, wurden immer konkreter. Irgendwann war mir dann klar : alle viele anderen sind Idioten und Idioten sollten mir nicht zu nahe ans Pferd kommen. Und was hat man angesichts der totalen Inkompetenz der anderen für eine Wahl, als es selbst zu machen.
Nachdem also der letzte Lehrer bei uns aus und bei seiner Besitzerin wieder einzog, hatte ich genug davon, meine Knochen für fremde Pferde einer Zerreissprobe zu unterziehen - ein eigenes musste her. Und da ja alle viele Idioten sind, bitte jungfräulich, also roh.
Da ich lediglich ein grosses Ego und keinen Grössenwahn habe, wurde das Projekt Jungpferd aber erst mit Familie, Stallbesitzerin und Trainer besprochen. Keiner sah Grund zu einem Veto. Heute weiss ich, dass sie wahrscheinlich doch etwas gesehen, aber nichts gesagt haben…

Eine schicksalhafte Begegnung später stand Penny nun also vor der Tür  auf der Koppel.
Die mahnenden Worte des Züchters, dass die Liebe ein absolut rohes Ei sei, also so richtig richtig ohne Vollpfostenkontakt muss ich wohl überhört haben. Mit Herzchen in den Augen ist nämlich auch das Hörvermögen getrübt. 
So, da stand ich nun mit meinem ersten Pferd. Was ich nicht wollte wusste ich. Was ich tun müsste dachte ich zu wissen und von dem, was vor uns stehen würde, hatte ich keine Ahnung. 

Und nun verrate ich euch etwas Persönliches: Ich bin absolut nicht romantisch. Eher pragmatisch, vielleicht etwas schwarzseherisch. Ich weiss, dass Ostwind ein Film ist und die Realität über Filme lacht. Für Ostwind bin ich auch etwas zu alt. Das wollte ich also nicht. Aber so ein bisschen Michel aus Lönneberga und sein Lukas, das wäre doch nett. Keine rosa Romantik, sondern freches Abenteuer nur eben mit pferdigem Kumpel, der für jeden Mist zu haben ist und dabei noch nett läuft, so klassische Reitkunst und so… kann ja nicht so schwer sein. Ausserdem hatten wir ja erfahrene Leute zur Seite.

Ich greife an dieser Stelle mal 1, 2 Jährchen voraus und komme gleich zu den Lektionen:
  1. Ein total rohes Pferd ist total roh
  2. Ein Pferd muss erstmal gar nix
  3. Erfahrung schützt vor Dummheit nicht
  4. Träume geben Hoffnung

Lektion 1 gehört zu den Dingen, die die anderen vielleicht dachten, aber nicht sagten. Ausser der Züchter, der hat´s gesagt, ich hab´s aber ignoriert überhört. Das Gute ist aber, dass ein total rohes Pferd auch sehr sehr schnell lernt, wenn man auf es eingeht und ihm alles verständlich macht.
Womit wir direkt überleiten zur Lektion 2 die unmittelbar von 3 gefolgt wird.
Ein Pferd – und da reichte schon mein 250kg Klappergestell – kann ich nicht zwingen. Zumindest nicht mit gerade noch so nicht tierquälerisch und verächtlichen Methoden und wahrscheinlich auch mit denen nicht. Warum sich das in der Pferdewelt noch nicht so rumgesprochen hat? Weil viele Pferde nicht darauf bestehen. 
Da Penny aber merkwürdiger Weise nach mir zu kommen schien, musste sie erstmal nix. „Wenn du meinst, dass ich muss, dann musst du etwas anderes wollen.“ Wenn ich versuchte, etwas zu erzwingen, dann schrie der Wald zurück. Präferiert wurde dabei das zweibeinige Schreien, umgangssprachlich Steigen genannt, auch gerne gefolgt von Hinwerfen – am liebsten gemeinsam mit dem Störenfried.
Steigen war für mich etwas komplett Neues. Ein derart charakterstarkes Pferd übrigens auch. Denn egal auf welche Weise versucht wurde, den Fruchtzwerg zu bändigen, sie war stärker. 
Und schon kommen wir zur Lektion 3. Unglaublich oft habe ich „Setz dich durch!“, „die hat das nicht zu machen!“, „zeig der mal, wer der Chef ist!“ gehört. Zum Überraschen aller wurde die Problematik durch diese dummen Sprüche nicht besser. Auch durch Ziehen, Zerren und leider Gottes Draufschlagen nicht. Penny fühlte sich unverstanden und setzte all ihren Willen ein, sich das nicht gefallen zu lassen. Und während ich schockiert mit ansah, was scheinbar erfahrene Leute anwendeten, um meinem Pferd Gehorsam einzuflössen, dachte ich an Michel und seinen Lukas, an die freche Abenteuer-Magie – aber das Leben ist ja kein Film.
Heute weiss ich, dass das die härteste Lektion war, die ich lernen musste und gleichzeitig war sie der Grundstein für meinen eigenen Weg mit Penny. Nachdem die Problematik in einer Bodenarbeitsstunde so ausartete, dass Penny zum Gegenangriff blies und danach nicht mal mehr anzuhalftern war, überwog mein Bauchgefühl endgültig die vermeintliche Erfahrung gewisser Pferdemenschen – alle anderen sind eben doch Idioten. Ich werfe dann mal Wattebäusche, alles andere hat ja auch nicht geholfen. Nein Spass bei Seite. Keiner hatte meinem Pferd je zugehört und die Ursache dieses Verhaltens gesucht. Alle hatten es lediglich bekämpft – und Penny hatte zurückgekämpft. Im Nachhinein musste ich eigentlich gar nicht viel tun, ich musste es nur richtig tun.

Das Steigen war also bald Geschichte und wurde zu unserem Logo. Nicht, weil ich Steigebilder so toll finde (absolut gar nicht) sondern weil es sinnbildlich für unseren Weg steht.
Durch diese Vergangenheit hatte mich gelehrt, wie unglaublich wichtig es ist, mein Pferd ernst zu nehmen. Und Penny hatte gelernt darauf zu vertrauen, dass ich sie ernst nehme. Ab dann lief es bei uns fast schon wie im Film, mit kurzen
Werbeunterbrechungen der realen Welt.
Das Anreiten, vor dem ich 2014 am meisten Bedenken hatte, fand irgendwie gar nie so wirklich statt. Wir bereiteten uns am Boden vor und ritten plötzlich einfach los.
Wir arbeiten miteinander, statt gegeneinander – bis heute.

Ich habe es mir zur Aufgabe gemacht, Penny zu führen, sie anzuleiten und zur Selbstständigkeit zu erziehen. Dabei nehme ich all ihre Reaktionen, ihre Kritik und Widerwillen ernst und versuche immer, die Ursachen für Pennys Verhalten zu verstehen. Dass es diese Ursachen gibt und dass es nicht nachhaltig ist, dem Pferd sein Recht auch Reaktion zu nehmen, hat Penny mir zum Glück beigebracht. Im Gegenzug muss ich vor ihren selbstständigen Entscheidungen keine Angst haben, da sie diese genau so in meinem Sinne fällt, wie ich meine.
Das war auch schon Lektion 4.

Heute – 2017 – blick ich auf 3 Ponyjahre zurück.

Wir piaffieren noch immer nicht. Olympia muss also noch etwas warten, der Halsring und das Rapsfeld ist auch nicht unser Ding. Überhaupt sind wir dressurtechnisch noch sehr ausbaufähig. Handstand kann auch nach drei Jahren keiner von uns und auf das Steigen verzichten wir in beidseitigem Einverständnis. Wir finden einander manchmal auch schrecklich doof, aber alle anderen sind dööfer ;) 
Was wir in diesen drei Jahren erreicht haben, ist besser. 

Allerdings kann man es nicht sofort sehen. Es ist diese kleine Sekunde, wenn ich zur Weide laufe, Penny den Kopf hebt, sich unsere Blicke kreuzen und sagen „zu allen Schandtaten bereit!“

Sonntag, 7. Mai 2017

Begriffsbullshit: Vertrauen braucht keine Vernunft

Ich habe ein neues Unwort. Was eigentlich sehr schade ist, denn grundsätzlich halte ich Vertrauen für etwas sehr wichtiges in der Pferde-Mensch-Beziehung. 
Ich finde es allerdings erschreckend, wie häufig „Vertrauen“ als Ausrede für Leichtsinn herhalten muss und wie häufig „Vertrauen“ mit blossem Gehorsam in einen Sack geworfen und kräftig geschüttelt wird. Aus diesem Grund setzte ich mich mit meinem neusten Post mal richtig in die Nesseln.


Paradebeispiel: freilaufendes Pferd auf öffentlichen Wegen. Weil der Strick dem Vertrauensverhältnis absolut unzumutbar wäre. Und weil der Zweibeiner ja schon erwachsen ist und genau weiss was er da tut. Schliessich hat er mit seinem Vierbeinigen Partner die höchste Stufe der Vertrauensleiter erklommen und das muss der Welt natürlich unter die Nase gerieben werden. Insbesondere den Kritikern, die anmerken, dass man dies doch lieber in eingezäunter Umgebung tun sollte, oder noch besser am Strick. Aus Rücksicht auf andere Freiluftschnapper, die eventuell noch nicht vom Pferdefieber-Moskito gestochen wurden. Diese Kritiker sind nämlich alles nur böse Neider! Selbst unfähig, eine vertrauensvolle Beziehung zu ihrem Pferd aufzubauen, berufen sie sich fadenscheinig auf Vernunft und gegenseitige Rücksichtnahme um anderen ihren Erfolg schlecht zu machen. Pfui! Kleine Notiz am Rande: lässt der Nachbar seinen handzahmen, treudoofen Pitbull von der Leine, dann ist das übrigens etwas ganz Anderes! Hunde sind nämlich keine Pferde und gehören an die Leine.
Sarkasmus beiseite. Ich durfte selbst schon miterleben, wie schnell ein freilaufendes Pferd zur Gefahr für andere wird – am Ende der Welt, trotz superduper Vertrauensverhältnis und sicher auch ohne böse Absicht. Neben schweren Verletzungen, Tränen und hohen Kosten war natürlich auch der Streit mit der Versicherung und den Geschädigten vorprogrammiert.
Ich weiss nicht wie man es im Ernstfall mit seinem Gewissen vereinbaren kann, andere schwer geschädigt zu haben, weil man aus falscher Eitelkeit auf einen Strick verzichtet hat und ich möchte auch nicht wissen, wie es ist, mit dieser Schuld zu leben. Im schlimmsten Fall kann solch eine Aktion nämlich Leben kosten.
Ich höre jetzt die Kritiker sagen, dass man im Ernstfall ein panisches Pferd auch mit Strick, Knoti oder Trense nicht halten kann. Dem will ich gar nicht widersprechen. Aber man hat zumindest das unnötige Risiko minimiert und die Möglichkeiten einzuwirken erhöht. Häufig genug macht diese kleine Einwirkung nämlich schon den entscheidenden Unterschied.

Neben fahrlässigem in Kauf Nehmens unnötiger Risiken bleibt da nämlich noch der Punkt mit der gegenseitigen Rücksichtnahme. Ich selbst bin neben Pony- auch Hundebesitzer. Natürlich ist mein Hund suuuuper süss und unglaublich lieb. Die tut nix – wirklich! Eine Freundin sieht das anders. Sie sieht in meinem kleinen, knapp kniehohen Hund mit Knopfaugen und Stupsnase nämlich ein mindestens zwei Meter grosses Monster mit gefletschten Zähnen. Auf gut deutsch: sie hat Angst vor Hunden. Diese Angst kann ich keinem nehmen. Aber ich kann sie etwas verringern. Denn wenn an dem Monster eine Leine befestigt ist, vermittelt das ängstlichen Leuten schon etwas mehr Sicherheit als ein freilaufender Hund. Und weder mir noch meinem Hund tut die Leine weh. Ich wage es sogar zu behaupten, dass wir trotzdem ein gutes Verhältnis zueinander haben. Ich vertraue meinem Hund auch, dass sie frei gehorchen würde aber andere Leute tun das eben nicht.

Und schon wären wir beim dritten Punkt: Gehorsam.
Es startet wieder mit einem Bild: ein liegendes Pony. Der Länge nach liegt es im Sand, auch wenn der Zweibeiner drüber hüpft oder sich dazu legt. Der Inbegriff von Vertrauen – oder?
Ich musste in meinem Leben lernen, dass es für viele Ziele zwei Wege gibt. Der eine ist der „schöne“ Weg, der unter anderem auf Vertrauen und Verständnis baut. Der andere ruht auf Gehorsamkeit und Strafe. Das Ergebnis ist auf den ersten Blick dasselbe. Auf den zweiten Blick zeigen sich aber bedeutende Unterschiede. 
Ein Pferd, welches seinem Menschen vertraut, wird in der Regel auch seinen Aufforderungen nachkommen. Umgekehrt ist Gehorsam nicht zwingend ein Beweis für gegenseitiges Vertrauen.

Und vor allem ist Vertrauen keine Garantie dafür, dass unser Pferd nicht doch „nein“ sagt. Vertrauen ist auch keine Ausrede dafür, leichtsinnig und fahrlässig zu werden. Vertrauen ist auch keine Rechtfertigung dafür, Dritte zu gefährden um allen einen „Beweis“ für etwas liefern zu können, welches sich mit einer blossen Aktion nicht beweisen lässt.
Vertrauen ist leise, sanft und unspektakulär. Vertrauen braucht keine Mutproben und Demonstrationen.
Eine vertrauensvolle Beziehung zu meinem Pferd lebe ich in jeder Sekunde. Egal ob mit oder ohne Strick. Er ist kein Beweis dafür, dass ich meinem Pferd nicht vertrauen würde und es mit Zwangsmittel bei mir halten muss. Er ist ein Zeichen meiner Verantwortung anderen gegenüber und ein Versuch, das Risiko, welches uns nunmal ständig begleitet, zu minimieren.


Nun darf man mich Neider nennen und mir unterstellen, dass ich aus blosser Missgunst spreche, weil ich selbst dazu nicht im Stande wäre. Ich werde den Gegenbeweis nicht antreten. Weil ich das Leid erlebt habe, dass völlig unnötig und vermeidbar verursacht wurde und weil ich die Beziehung zu Penny für so intim halte, dass sie keinerlei Demonstrationen bedarf.