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Dienstag, 21. Februar 2017

Herz statt Hand – entdecke dein inneres Kind


Pferde üben auf Kinder eine ganz besondere Magie aus.
Wie von unsichtbarer Hand geleitet, zieht es die Kinder an den Zaun. Sie wollen sich das wunderbare Geschöpf zum Freund machen, träumen von gemeinsamem Abenteuern und inniger Verbundenheit. Es ist der Stoff, aus dem Träume, Pferdefilme und die ganz grossen Gefühle sind. Die Sehnsucht nach einem eng verbundenem Freund, Herz an Herz. Wir müssen dem Pferd nur zuhören, uns nur auf es einlassen, dann würden wir den einen Freund fürs Leben finden. 
Erinnert ihr euch noch an eure Kindheitsträume? An die rosa Blümchenwelt und das Pferd mit Wallehaar, welches man heimlich im Wald versteckt?
Diese ersten Begegnungen mit dem Pferd, diese erste Sehnsucht, ist auf ihre Weise von einer bezaubernden Unschuld geprägt. 
Als Kinder wussten wir noch nix von Methodik und Technik – wir hatten nur unser Gefühl.

Je mehr Technik und Methoden wir im Laufe der Zeit dazulernten, umso mehr wurde unser Gefühl verdrängt. Wir lernten Vorgehensweisen, die uns das Pferd zum Freund machen sollten. Studierten eifrig jeden Handgriff und wollten bloss keinen Fehler machen, damit unser Traum ganz schnell wahr werden würde und waren umso frustrierter, wenn all unsere Bemühungen keinen Erfolg erzielten.
In uns wartete noch der Traum, mit dem Pferd über die Wiese zu fliegen und das olle Schulpferd weigerte sich, auch nur eine Runde durchzgaloppieren.
Doch auch für dieses Problem gab es wieder eine Technik, eine Vorgehensweise. Hier etwas mehr Zügel, da einen Hauch Schenkel.
Ein Haufen Befehle musste gelernt werden und schnell wurde uns klar: so einfach, wie wir uns das erträumt haben, würde es nicht werden. Erst mussten wir das Pferd bedienen lernen, aber dann – ganz gewiss – stünde uns die Welt offen. Wir müssten nur unsere Technik verfeinern, unser Können verbessern. 
Bald ist das Kind gross geworden, ein guter Reiter, das Pferd springt fliegende Wechsel, piaffiert, die Technik ist makellos. Doch das Herz an Herz Gefühl, die Abenteuer aus Kinderträumen und die bedingungslose tiefe Verbundenheit haben sich noch immer nicht eingestellt. Es gibt keine Magie und in der echten Welt ist kein Platz für Kinderträume.
Das Leben hat uns unsere kindliche Unschuld geraubt. Die Technik hat das Gefühl verdrängt, doch die Sehnsucht bleibt.

Und dann sind da diese kleinen Momente, die uns ermahnen, dass wir als Kind etwas wussten, dass wir irgendwann vergessen haben.
Dass keine Technik dieser Welt Gefühl ersetzen zu vermag. Erst Gefühl erweckt eine Beziehung zum Leben, verleiht ihr Leichtigkeit.

Als Penny zu mir kam, war sie gerade zwei Jahre alt. Sie lebte mit ihren Artgenossen auf grossen Weiden. Plötzlich wurde ihre Welt etwas enger, der Mensch wurde ein Teil davon und neue Dinge wurden verlangt.
Eine dieser neuen Anforderungen war das Hufe geben. 
Penny tat sich dabei zu Beginn sehr schwer. Und so schritt ich mit  einem Plan im Hinterkopf zur Tat. Liess sie sich an der Wand abstützen, stand so, dass ich im Ernstfall aus der Schusslinie war und war für beinahe jede Schandtat gerüstet. Ich habe es ihr zu keinem Moment übel genommen, dass sie mir den Huf nicht geben wollte. Es war mir klar, dass sie das erst verstehen musste und dass es kein persönlicher Angriff war. Sie musste es einfach lernen und ich hatte verschiedene Techniken, wie ich es ihr beibringen konnte.
Eines Tages hatten wir Besuch von einem Kind. Unter Aufsicht wurde Penny verwöhnt, beschmust und auf Hochglanz geputzt. Sie stand dabei vorbildlich ruhig und die beiden verstanden sich auf Anhieb.
Das Kind kannte Pferde und wusste bereits, dass man auch die Hufe auskratzen sollte. Es konnte aber noch nicht wissen, dass nicht jedes Pferd von Geburt an willig den Huf hebt. Just in dem Moment, in dem ich mahnen wollte, dass die Hufe nicht ausgekratzt werden sollten, weil das manchmal noch in sehr riskanten Manövern endete, und das Kind noch gar nicht wissen konnte, wie es sich zu verhalten hatte, war der erste Huf bereits vorbildlich ausgekratzt. 
In Lauerstellung und mit Adlerauge sah ich zu, wie das Kind Penny bat, den zweiten Huf anzuheben, Penny langsam den Huf anhob, genau so viel, wie es ihr Gleichgewicht zu lies. Das Kind verstand intuitiv, wie hoch Penny den Huf heben konnte, bestand nicht auf mehr und lies sie sofort abstellen, als das Gleichgewicht sie verlies. Penny blieb gelassen, das Kind blieb gelassen, die Hufe waren sauber.

In vielen Situationen liegen Kinder mit ihrer doch sehr emotionalen Einschätzung goldrichtig. Sie haben ein unvoreingenommenes Gefühl für den Moment, welches noch nicht durch eine bestimmte Erwartungshaltung und Methodik getrübt ist.
Sie erkennen, wann ein Pferd ängstlich ist und vermitteln im Ruhe, bedeuten ihm, dass sie ihm nicht Böses wollen und es ihnen vertrauen kann. Gehen in die Hocke und laden das Pferd zu sich ein. Erst Methodik bringt sie auf die Idee, das Pferd weg zu schicken, dass es sich bewegen soll, wenn es unserer Einladung nicht folgt. 

Möchte ich an der Beziehung zu meinem Tier arbeiten, muss ich das mit dem Herzen tun.

Wir lernen im Laufe unseres Lebens sehr viele Techniken, die uns ermöglichen wollen, an der Beziehung zu unserem Tier zu arbeiten. Ohne Gefühl werden wir aber höchstens Gehorsam erhalten.
Vor der Technik sollte immer das Gefühl stehen, aufbauend auf diesem Gefühl sollten wir dann aus unserer Werkzeugkiste an Vorgehensweisen auswählen. Und auch das Feedback, das über den Erfolg unserer Wahl entscheidet, findet über Gefühl statt.

Sehr viele Menschen beurteilen die Beziehung zu ihrem Pferd auf Grund von Gehorsamkeit. Ihr Pferd tut alles, was sie möchten, ohne Widerrede. Das muss doch ein Zeichen für eine funktionierende Beziehung sein.

Wie fühlt sich der Gehorsam denn an? 
Ist es Gehorsam auf Augenhöhe, der daher rührt, dass ein Dialog geführt wird im gegenseitigen Einverständnis. Ein Gehorsam, der Mitsprach zulässt, ein Dialog einer Beziehung, die gibt und nimmt.
Oder ist es ein Gehorsam, der diktiert wird? Eine Art Befehlskette, die zwar ausgeführt wird, dass Pferd aber klein und untergeordnet macht.

Das wie entscheidet über die Art der Beziehung.
Dieses wie kann nur mit Gefühl beantwortet werden.



Gehen wir zurück zu unserem inneren Kind und seinem besten Freund, dem Pferd. Haben wir als Kind wirklich von Gehorsam geträumt, oder nicht doch von Partnerschaft? 
Hatten wir nicht schon als Kind, das wichtigste Werkzeug in unserem Herzen?

Welche Rolle Pferde im Leben eines Kindes einnehmen können, erzählt euch Pferdespiegel  in der Geschichte "Das weisse Pferd und das Mädchen".

1 Kommentar:

  1. Das sind schöne Gedanken! So einen intuitiven Zugang zum Pferd wünsche ich mir auch. Als erwachsener Anfänger ist das aber sicher nicht mehr ganz so leicht und spielerisch zu erreichen wie als Kind. Allerdings leuchten meine Augen auch jetzt noch so wie es bei vielen zu Kinderzeiten war, ein wenig kindliche Begeisterung konnte ich mir also bewahren, und ich hoffe, ich kann sie auch nutzen. :)

    Liebe Grüße
    Tina

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