Sonntag, 2. April 2017

Seelenpferd: Das Selfie ist umsonst, alles andere kostet!

Ja, ich wollte mich nicht mehr so viel aufregen. Habe ich mir für 2017 ganz oben auf die Vorsatzliste geschrieben. Aber scheinbar ist es unmöglich, täglich um Reiter zu sein und sich nicht aufzuregen. Also habe ich mich aufgeregt. Dann fiel mir ein, dass ich blogge und aufregen viel befriedigender ist, wenn man es öffentlich tut.

Stein des Anstosses ist die Knausrigkeit, die auf den ersten Blick so gar nicht zu uns Pferdemenschen passt. Denn so ein Pferd treibt das Konto in die Schwindsucht und ist garantiert kein Hobby für Sparfüchse. Spätestens bei Erscheinen der neusten Eski-Kollektion bleibt die Türe aus Angst vor dem Gerichtsvollzieher vorerst verschlossen.
Ich möchte mich an dieser Stelle auch nicht über unnötige Ausgaben für den Vierbeiner aufregen. Mir ist es egal, wofür die Leute ihr Geld zum Fenster hinauswerfen, solange es dem Pferd keinen Schaden bereitet. 
Ich musste mich darüber aufregen, für was die Leute ihr Geld nicht ausgeben.
Richtig gekocht hat mein Puls dann beim Vergleich von unnötigen Ausgaben und falscher Sparsamkeit.

Ein Aufreger ist es beispielsweise, wenn das Pferd täglich eine neue Schabbi verpasst bekommt, aber die Ekzemerdecke bereits das zweite Jahr in Lumpen hängt. Ist halt auch irre teuer so ne olle Ekzemerdecke. Da gehen gut und gerne drei Schabbis für drauf.

Auch die Hufpflege verursacht unangenehme Kosten – und das auch noch regelmässig. Und so wirklich was davon hat Mensch ja nicht, ausser er schmiert Glitzercreme auf Pferdis Huf. Und weil man dem Schmied ja schon so oft zugesehen hat, kann man das doch locker selbst. Die Risse hier und da wachsen sich mit der Zeit auch sicher raus.
Auch der Zyklus kann verlängert werden. Kommt der Schmied nur alle 12 statt 6 Wochen, kostet es ja auch gleich viel weniger. Zur Not nagelt man das verlorene Eisen in der Zwischenzeit 2,3 mal in Eigenregie wieder rauf. Selbst ist der Sparfuchs.

Der Zahnarzt wird auch grenzenlos überschätzt. Solange das Pferd sein individuell konfiguriertes Müsli mit der stylischen Verpackung noch fressen kann, ist der Sabber halb so wild. Mit dem Müsli riecht der Atem auch gleich wieder viel angenehmer.

Besonders heikel wird es, wenn man gleich zwei Seelenpferde hat. Denn doppelte Liebe bedeutet auch doppelte Kosten. Doch der erfahrene Sparfuchs kennt alle Tricks und setzt den Rotstift geschickt an. Da ja nicht täglich geritten wird, kann sich der Vollblutmix den Sattel mit dem Kalti teilen. Das scheint nämlich ein Zaubersattel zu sein, der kann das. Der Hufpfleger kommt zwar brav alle 6 Wochen, aber immer nur für ein Pferd. Nur das Müsli, das ist individuell abgestimmt.

Die Hutschnur platzt mir endgültig, wenn der Besitzer, des lahmenden, halbkahlen Pferdes mit ekligem Mundgeruch dann auch noch täglich 400 Selfies von seinem innig geliebten Seelenpferd mit der neusten Schibbi-Schabbi-Kollektion auf Instagram postet und jedesmal seine unendliche Liebe und Aufopferung für den Vierbeiner betont.

Ich denke weitere Beispiele kann sich jeder von uns denken. 

Nachdem der Beitrag bis hier vielleicht ein ganz klein wenig auf die Spitze getrieben war, will ich nun wieder ernst werden, denn eigentlich ist das hier ein absolut ernstes Thema.

Unsere Pferde kosten Geld.
Manche Ausgaben sind dringender als andere. Manche absolut zwingend. Und nicht immer kann man sich alles leisten.

Die erste Lektion, dich ich im Umgang mit Pferden gelernt habe, war: „Das Pferd kommt immer zuerst.“ 
So bekam der liebe Vierbeiner nach dem reiten immer zuerst seinen Kübel mit Wasser, auch wenn der Zweibeiner ihn am liebsten gleich selbst leer gesoffen hätte.
Obwohl ich mich noch gar nicht so alt fühle, mag ich mich an eine Zeit erinnern, in der man ganz unglamourös bei sich selbst gespart hat, nur eine verwaschene Sattelunterlage und einen Zaum hatte, um Hufschmied und Tierarzt zu bezahlen. Eine Zeit, in der man die Liebe zu seinem Pferd nicht an der Zahl der täglichen Selfies, sondern seiner Pflege und Fürsorge mass. Ich bin mir auch sehr sicher, dass genau dies heute noch häufig der Fall ist. Nur leider gibt es auch die Ausnahmen, bei der falsche Sparsamkeit zu Lasten des Tierwohls geht.

Ich weiss nicht, ob diese Beispiele eine falsch verstandene Tierliebe zeigen. Dem Pferd steht die Schabbi und der neue Zaum doch so gut, und man möchte seinen Liebling doch in schönster Schönheit präsentieren.
Ich glaube aber fest daran, dass dem Hü eine ordentliche Huf- und Zahnpflege wesentlich angenehmer ist, als die neuste Mode. Auch wenn diese ganz unspektakulär daher kommt.
Oder ob es sich schlicht und einfach um gelebten Egoismus handelt. Dem Besitzer tut der faule Zahn ja nicht weh und seine Schuhe passen.

Oder ist diese Problematik mittlerweile sogar Teil unserer Gesellschaft?

In der Welt von Social Media geht es täglich darum, gesehen zu werden und ein gewisses Bild zu bedienen. Ich blogge, also steck ich da voll mit drin ;) Nur wird die Hufpflege, der Osteopath, der Sattelcheck … nicht auf den ersten Blick gesehen. Was ins Auge springt, ist das neue Halfter, der Bling-Bling-Stirnriemen oder auch der SUV vor dem neuen Hänger. Da muss man Reiter Prioritäten setzen. Und so wird das Seelenpferd manchmal zur Spielfigur unserer Selbstinszenierung.
Auf der grossen Bühne, die unser Leben ist, ist es unglaublich wichtig, perfekt auszusehen. 
Tierliebe wird zelebriert aber nicht immer gelebt.

Nun muss ich der Fairness halber erwähnen, dass es viele Schabbi-Sammler und Selfie-Suchties gibt, die tolle Bilder präsentieren und ihrem Tier alles zukommen lassen, das es zum Leben braucht (genauso, wie es Leute gibt, die nicht auf Social Media aktiv sind und denoch am falschen Ende sparen). Und wenn man genau hinsieht, macht eben diese gar nicht glänzende und glitzernde Basis den Unterschiede und die tollen Bilder noch schöner.

Tierliebe bedeutet nicht, perfekt zu sein. Tierliebe bedeutet nicht, dass man ein gewisses Bild abgeben muss. Sie braucht nicht die neuste Mode-Kollektion, kein Glitzer und auch keinen Instagramfilter. Das sind alles nette Extras. 
Tierliebe ist meist ganz unscheinbar und immer selbstlos. 

Der Zweibeiner sollte sich daher immer fragen, ob er gerade wirklich im Sinne des Pferdes handelt, oder nicht doch seine eigenen Interessen vorne anstellt. 

Tipps zum Pferd rechnet exemplarisch vor, was der Vierbeiner (ganz ohne Schibi-Schick und Glitzerfummel) kosten kann.

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