Mittwoch, 31. Mai 2017

3 Jahre Ponyhof – 1096 Tage mit Penny

Die Erinnerung, wie ich vor drei Jahren das erste Mal neben meinem Pferd auf der Koppel stand, lässt mich unweigerlich schmunzeln. Ich höre mein 2014-Ich von seinen Plänen reden und mein 2017-Ich verspürt den unweigerlichen Drang, dem naiven 2014-Ich weise, beinahe mütterlich über den Kopf zu streicheln und angesichts dessen, was uns noch bevor stehen würde, sagen „jaja, plan du nur. Das Leben hält sich sicher an deine Pläne…“. 

Dabei hatte mein 2014-Ich eigentlich ganz solide Vorstellungen vom Leben. Schliesslich hatte es ja schon einige Jahre auf dem Buckel.
Bevor es zum ersten eigenen Pferd kam, durfte ich mir die Hörner an vielen verschiedenen Pferden abstossen. Manche Pferde waren grössere Herausforderungen als andere. Doch die Besitzer schienen das, was ich da veranstaltete nicht ganz so schlecht zu finden und hier und da stellte sich beim lieben Vierbeiner tatsächlich Besserung ein. Und so lernte ich mehr und mehr, mein Ego wuchs mehr und mehr aber auch meine Vorstellungen darüber, was ich für mein Pferd niemals möchte, wurden immer konkreter. Irgendwann war mir dann klar : alle viele anderen sind Idioten und Idioten sollten mir nicht zu nahe ans Pferd kommen. Und was hat man angesichts der totalen Inkompetenz der anderen für eine Wahl, als es selbst zu machen.
Nachdem also der letzte Lehrer bei uns aus und bei seiner Besitzerin wieder einzog, hatte ich genug davon, meine Knochen für fremde Pferde einer Zerreissprobe zu unterziehen - ein eigenes musste her. Und da ja alle viele Idioten sind, bitte jungfräulich, also roh.
Da ich lediglich ein grosses Ego und keinen Grössenwahn habe, wurde das Projekt Jungpferd aber erst mit Familie, Stallbesitzerin und Trainer besprochen. Keiner sah Grund zu einem Veto. Heute weiss ich, dass sie wahrscheinlich doch etwas gesehen, aber nichts gesagt haben…

Eine schicksalhafte Begegnung später stand Penny nun also vor der Tür  auf der Koppel.
Die mahnenden Worte des Züchters, dass die Liebe ein absolut rohes Ei sei, also so richtig richtig ohne Vollpfostenkontakt muss ich wohl überhört haben. Mit Herzchen in den Augen ist nämlich auch das Hörvermögen getrübt. 
So, da stand ich nun mit meinem ersten Pferd. Was ich nicht wollte wusste ich. Was ich tun müsste dachte ich zu wissen und von dem, was vor uns stehen würde, hatte ich keine Ahnung. 

Und nun verrate ich euch etwas Persönliches: Ich bin absolut nicht romantisch. Eher pragmatisch, vielleicht etwas schwarzseherisch. Ich weiss, dass Ostwind ein Film ist und die Realität über Filme lacht. Für Ostwind bin ich auch etwas zu alt. Das wollte ich also nicht. Aber so ein bisschen Michel aus Lönneberga und sein Lukas, das wäre doch nett. Keine rosa Romantik, sondern freches Abenteuer nur eben mit pferdigem Kumpel, der für jeden Mist zu haben ist und dabei noch nett läuft, so klassische Reitkunst und so… kann ja nicht so schwer sein. Ausserdem hatten wir ja erfahrene Leute zur Seite.

Ich greife an dieser Stelle mal 1, 2 Jährchen voraus und komme gleich zu den Lektionen:
  1. Ein total rohes Pferd ist total roh
  2. Ein Pferd muss erstmal gar nix
  3. Erfahrung schützt vor Dummheit nicht
  4. Träume geben Hoffnung

Lektion 1 gehört zu den Dingen, die die anderen vielleicht dachten, aber nicht sagten. Ausser der Züchter, der hat´s gesagt, ich hab´s aber ignoriert überhört. Das Gute ist aber, dass ein total rohes Pferd auch sehr sehr schnell lernt, wenn man auf es eingeht und ihm alles verständlich macht.
Womit wir direkt überleiten zur Lektion 2 die unmittelbar von 3 gefolgt wird.
Ein Pferd – und da reichte schon mein 250kg Klappergestell – kann ich nicht zwingen. Zumindest nicht mit gerade noch so nicht tierquälerisch und verächtlichen Methoden und wahrscheinlich auch mit denen nicht. Warum sich das in der Pferdewelt noch nicht so rumgesprochen hat? Weil viele Pferde nicht darauf bestehen. 
Da Penny aber merkwürdiger Weise nach mir zu kommen schien, musste sie erstmal nix. „Wenn du meinst, dass ich muss, dann musst du etwas anderes wollen.“ Wenn ich versuchte, etwas zu erzwingen, dann schrie der Wald zurück. Präferiert wurde dabei das zweibeinige Schreien, umgangssprachlich Steigen genannt, auch gerne gefolgt von Hinwerfen – am liebsten gemeinsam mit dem Störenfried.
Steigen war für mich etwas komplett Neues. Ein derart charakterstarkes Pferd übrigens auch. Denn egal auf welche Weise versucht wurde, den Fruchtzwerg zu bändigen, sie war stärker. 
Und schon kommen wir zur Lektion 3. Unglaublich oft habe ich „Setz dich durch!“, „die hat das nicht zu machen!“, „zeig der mal, wer der Chef ist!“ gehört. Zum Überraschen aller wurde die Problematik durch diese dummen Sprüche nicht besser. Auch durch Ziehen, Zerren und leider Gottes Draufschlagen nicht. Penny fühlte sich unverstanden und setzte all ihren Willen ein, sich das nicht gefallen zu lassen. Und während ich schockiert mit ansah, was scheinbar erfahrene Leute anwendeten, um meinem Pferd Gehorsam einzuflössen, dachte ich an Michel und seinen Lukas, an die freche Abenteuer-Magie – aber das Leben ist ja kein Film.
Heute weiss ich, dass das die härteste Lektion war, die ich lernen musste und gleichzeitig war sie der Grundstein für meinen eigenen Weg mit Penny. Nachdem die Problematik in einer Bodenarbeitsstunde so ausartete, dass Penny zum Gegenangriff blies und danach nicht mal mehr anzuhalftern war, überwog mein Bauchgefühl endgültig die vermeintliche Erfahrung gewisser Pferdemenschen – alle anderen sind eben doch Idioten. Ich werfe dann mal Wattebäusche, alles andere hat ja auch nicht geholfen. Nein Spass bei Seite. Keiner hatte meinem Pferd je zugehört und die Ursache dieses Verhaltens gesucht. Alle hatten es lediglich bekämpft – und Penny hatte zurückgekämpft. Im Nachhinein musste ich eigentlich gar nicht viel tun, ich musste es nur richtig tun.

Das Steigen war also bald Geschichte und wurde zu unserem Logo. Nicht, weil ich Steigebilder so toll finde (absolut gar nicht) sondern weil es sinnbildlich für unseren Weg steht.
Durch diese Vergangenheit hatte mich gelehrt, wie unglaublich wichtig es ist, mein Pferd ernst zu nehmen. Und Penny hatte gelernt darauf zu vertrauen, dass ich sie ernst nehme. Ab dann lief es bei uns fast schon wie im Film, mit kurzen
Werbeunterbrechungen der realen Welt.
Das Anreiten, vor dem ich 2014 am meisten Bedenken hatte, fand irgendwie gar nie so wirklich statt. Wir bereiteten uns am Boden vor und ritten plötzlich einfach los.
Wir arbeiten miteinander, statt gegeneinander – bis heute.

Ich habe es mir zur Aufgabe gemacht, Penny zu führen, sie anzuleiten und zur Selbstständigkeit zu erziehen. Dabei nehme ich all ihre Reaktionen, ihre Kritik und Widerwillen ernst und versuche immer, die Ursachen für Pennys Verhalten zu verstehen. Dass es diese Ursachen gibt und dass es nicht nachhaltig ist, dem Pferd sein Recht auch Reaktion zu nehmen, hat Penny mir zum Glück beigebracht. Im Gegenzug muss ich vor ihren selbstständigen Entscheidungen keine Angst haben, da sie diese genau so in meinem Sinne fällt, wie ich meine.
Das war auch schon Lektion 4.

Heute – 2017 – blick ich auf 3 Ponyjahre zurück.

Wir piaffieren noch immer nicht. Olympia muss also noch etwas warten, der Halsring und das Rapsfeld ist auch nicht unser Ding. Überhaupt sind wir dressurtechnisch noch sehr ausbaufähig. Handstand kann auch nach drei Jahren keiner von uns und auf das Steigen verzichten wir in beidseitigem Einverständnis. Wir finden einander manchmal auch schrecklich doof, aber alle anderen sind dööfer ;) 
Was wir in diesen drei Jahren erreicht haben, ist besser. 

Allerdings kann man es nicht sofort sehen. Es ist diese kleine Sekunde, wenn ich zur Weide laufe, Penny den Kopf hebt, sich unsere Blicke kreuzen und sagen „zu allen Schandtaten bereit!“

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