Sonntag, 7. Mai 2017

Begriffsbullshit: Vertrauen braucht keine Vernunft

Ich habe ein neues Unwort. Was eigentlich sehr schade ist, denn grundsätzlich halte ich Vertrauen für etwas sehr wichtiges in der Pferde-Mensch-Beziehung. 
Ich finde es allerdings erschreckend, wie häufig „Vertrauen“ als Ausrede für Leichtsinn herhalten muss und wie häufig „Vertrauen“ mit blossem Gehorsam in einen Sack geworfen und kräftig geschüttelt wird. Aus diesem Grund setzte ich mich mit meinem neusten Post mal richtig in die Nesseln.


Paradebeispiel: freilaufendes Pferd auf öffentlichen Wegen. Weil der Strick dem Vertrauensverhältnis absolut unzumutbar wäre. Und weil der Zweibeiner ja schon erwachsen ist und genau weiss was er da tut. Schliessich hat er mit seinem Vierbeinigen Partner die höchste Stufe der Vertrauensleiter erklommen und das muss der Welt natürlich unter die Nase gerieben werden. Insbesondere den Kritikern, die anmerken, dass man dies doch lieber in eingezäunter Umgebung tun sollte, oder noch besser am Strick. Aus Rücksicht auf andere Freiluftschnapper, die eventuell noch nicht vom Pferdefieber-Moskito gestochen wurden. Diese Kritiker sind nämlich alles nur böse Neider! Selbst unfähig, eine vertrauensvolle Beziehung zu ihrem Pferd aufzubauen, berufen sie sich fadenscheinig auf Vernunft und gegenseitige Rücksichtnahme um anderen ihren Erfolg schlecht zu machen. Pfui! Kleine Notiz am Rande: lässt der Nachbar seinen handzahmen, treudoofen Pitbull von der Leine, dann ist das übrigens etwas ganz Anderes! Hunde sind nämlich keine Pferde und gehören an die Leine.
Sarkasmus beiseite. Ich durfte selbst schon miterleben, wie schnell ein freilaufendes Pferd zur Gefahr für andere wird – am Ende der Welt, trotz superduper Vertrauensverhältnis und sicher auch ohne böse Absicht. Neben schweren Verletzungen, Tränen und hohen Kosten war natürlich auch der Streit mit der Versicherung und den Geschädigten vorprogrammiert.
Ich weiss nicht wie man es im Ernstfall mit seinem Gewissen vereinbaren kann, andere schwer geschädigt zu haben, weil man aus falscher Eitelkeit auf einen Strick verzichtet hat und ich möchte auch nicht wissen, wie es ist, mit dieser Schuld zu leben. Im schlimmsten Fall kann solch eine Aktion nämlich Leben kosten.
Ich höre jetzt die Kritiker sagen, dass man im Ernstfall ein panisches Pferd auch mit Strick, Knoti oder Trense nicht halten kann. Dem will ich gar nicht widersprechen. Aber man hat zumindest das unnötige Risiko minimiert und die Möglichkeiten einzuwirken erhöht. Häufig genug macht diese kleine Einwirkung nämlich schon den entscheidenden Unterschied.

Neben fahrlässigem in Kauf Nehmens unnötiger Risiken bleibt da nämlich noch der Punkt mit der gegenseitigen Rücksichtnahme. Ich selbst bin neben Pony- auch Hundebesitzer. Natürlich ist mein Hund suuuuper süss und unglaublich lieb. Die tut nix – wirklich! Eine Freundin sieht das anders. Sie sieht in meinem kleinen, knapp kniehohen Hund mit Knopfaugen und Stupsnase nämlich ein mindestens zwei Meter grosses Monster mit gefletschten Zähnen. Auf gut deutsch: sie hat Angst vor Hunden. Diese Angst kann ich keinem nehmen. Aber ich kann sie etwas verringern. Denn wenn an dem Monster eine Leine befestigt ist, vermittelt das ängstlichen Leuten schon etwas mehr Sicherheit als ein freilaufender Hund. Und weder mir noch meinem Hund tut die Leine weh. Ich wage es sogar zu behaupten, dass wir trotzdem ein gutes Verhältnis zueinander haben. Ich vertraue meinem Hund auch, dass sie frei gehorchen würde aber andere Leute tun das eben nicht.

Und schon wären wir beim dritten Punkt: Gehorsam.
Es startet wieder mit einem Bild: ein liegendes Pony. Der Länge nach liegt es im Sand, auch wenn der Zweibeiner drüber hüpft oder sich dazu legt. Der Inbegriff von Vertrauen – oder?
Ich musste in meinem Leben lernen, dass es für viele Ziele zwei Wege gibt. Der eine ist der „schöne“ Weg, der unter anderem auf Vertrauen und Verständnis baut. Der andere ruht auf Gehorsamkeit und Strafe. Das Ergebnis ist auf den ersten Blick dasselbe. Auf den zweiten Blick zeigen sich aber bedeutende Unterschiede. 
Ein Pferd, welches seinem Menschen vertraut, wird in der Regel auch seinen Aufforderungen nachkommen. Umgekehrt ist Gehorsam nicht zwingend ein Beweis für gegenseitiges Vertrauen.

Und vor allem ist Vertrauen keine Garantie dafür, dass unser Pferd nicht doch „nein“ sagt. Vertrauen ist auch keine Ausrede dafür, leichtsinnig und fahrlässig zu werden. Vertrauen ist auch keine Rechtfertigung dafür, Dritte zu gefährden um allen einen „Beweis“ für etwas liefern zu können, welches sich mit einer blossen Aktion nicht beweisen lässt.
Vertrauen ist leise, sanft und unspektakulär. Vertrauen braucht keine Mutproben und Demonstrationen.
Eine vertrauensvolle Beziehung zu meinem Pferd lebe ich in jeder Sekunde. Egal ob mit oder ohne Strick. Er ist kein Beweis dafür, dass ich meinem Pferd nicht vertrauen würde und es mit Zwangsmittel bei mir halten muss. Er ist ein Zeichen meiner Verantwortung anderen gegenüber und ein Versuch, das Risiko, welches uns nunmal ständig begleitet, zu minimieren.


Nun darf man mich Neider nennen und mir unterstellen, dass ich aus blosser Missgunst spreche, weil ich selbst dazu nicht im Stande wäre. Ich werde den Gegenbeweis nicht antreten. Weil ich das Leid erlebt habe, dass völlig unnötig und vermeidbar verursacht wurde und weil ich die Beziehung zu Penny für so intim halte, dass sie keinerlei Demonstrationen bedarf.


Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen